Nahemündung & Krausaue

Gleich vorneweg: Was mir an dem Gebiet ganz besonders gefällt, ist das eigentümliche Überraschungspotenzial, das dieses Zusammentreffen zweier als Vogelzugstraßen genutzter Flusstäler für mich bereithält. Jederzeit kann Unerwartetes auftauchen. Fast nie kann ich zuverlässig vorhersagen, welche Vogelarten ich zu Gesicht bekomme – und fast immer ist eine nicht alltägliche Art dabei. Besonders für Wasservogelfans ist das Gebiet ein ziemlicher Geheimtipp. Die Beobachtungsmöglichkeiten sind vielfältig und alle Jahreszeiten haben es in sich. Wie oft habe ich schon an scheinbar vogellosen Tagen dort gestanden und wurde durch das plötzliche Erscheinen einer bestaunenswerten Rarität für das Warten belohnt! Und wenn es mal keine Seltenheit ist, dann ist es vielleicht der Anblick von Tausenden von Lachmöwen, die beim Überfliegen eines Wanderfalken wie ein Schneetreiben aus überdimensionalen Flocken über dem Rhein auf und ab schweben - oder es ist bloß das schöne Abendlicht über dem Binger Loch.

Wo liegt’s und wie sieht’s aus?

Die Nahemündung liegt bei Bingen am Rhein bei Stromkilometer 529, am Westrand der ausgedehnten Wasserfläche des Inselrheins und am Übergang in den engen Graben des Mittelrheintals. Es handelt sich bei der Mündung um einen der wenigen kaum verbauten Zusammenflüsse zweier größerer Fließgewässer in Rheinland-Pfalz mit – je nach Wasserstand – recht ausgedehnten Schotterflächen im unmittelbaren Mündungsbereich, an den sich langgestreckte Leitwerke mit Sandbänken und eine mit Auwald bestandene Rheininsel (die „Mäuseturminsel“) anschließen. Östlich davon liegen mitten im Rheinstrom bei Stromkilometer 528 die Felsinseln der Kraus-Aue, noch weiter flussaufwärts folgt die Rheininsel Rüdesheimer Aue mit ihren Graureiher-, Schwarzmilan und Kormorankolonien. Weiter stromabwärts befinden sich im Bereich der Bingerbrücker Rheinkribben wertvolle Auwaldbereiche mit einer artenreichen Brutvogelwelt. Erreichbar ist das Gebiet bestens auch ohne Auto, weil gleich zwei Bahnhöfe in unmittelbarer Nähe liegen: der Hauptbahnhof in Bingerbrück und der Stadtbahnhof in Bingen-Stadt.

Was gibt’s wann und wo zu sehen?

Bisher sind weit mehr als 200 Vogelarten nachgewiesen. Das Artenspektrum wechselt je nach Jahreszeit. Im Winter rasten hier vor allem, neben den Kormoranen, Schellenten und Gänsesägern, mehrere Möwenarten. Eistaucher- und Eisentenbeobachtungen stammen von hier, einmal befand sich bei den Kormoranen auch eine Krähenscharbe. Für Lachmöwen liegt zwischen Rüdesheimer Aue und Kraus-Aue einer der größten binnenländischen Rastplätze Deutschlands. Um die Kraus-Aue herum finden sich die Möwentrupps ab Spätsommer zum Rasten und Übernachten ein, die im Spätwinter schon mehrere Zehntausend Individuen betragen haben. Entsprechend groß ist das bisher festgestellte Möwenartenspektrum: Zwerg-, Lach-, Schwarzkopf-, Sturm-, Mantel-, Silber-, Herings-, Mittelmeer- und Steppenmöwe sind derzeit alljährliche Gäste. Aber auch Raritäten wie Schwalbenmöwe und Dreizehenmöwe wurden schon wiederholt gesehen.

 Dreizehenmöwe

Dreizehenmöwe im 2. Winterkleid, Nahemündung 24.01.2009, H.-G. Folz  

Ein absolutes Highlight war Deutschlands vierte Präriemöwe, die sich hier einige Wochen aufhielt. Zu den Zugzeiten in Frühling, Spätsommer und Herbst überraschen immer wieder einmal einzelne nicht alljährlich in Rheinland-Pfalz auftretende Raubmöwen und Seeschwalben wie z. B. Spatelraubmöwe, Falkenraubmöwe, Raub-, Brand-, Küsten-, Weißflügel-, Weißbart- oder Zwergseeschwalbe.  Entlang von Rhein und Nahe kann an günstigen Vogelzugtagen erheblicher Durchzug auch von Großvögeln wie Greifvögeln, Gänsen oder Kranichen beobachtet werden. Mit Glück sieht man auch hierunter Besonderheiten wie z. B. einen über den Rhein ziehenden Rotfußfalken. Bei niedrigem Pegelstand rasten um Kraus-Aue und Rüdesheimer Aue Limikolen, unter denen sich manchmal auch – für rheinhessische Verhältnisse – seltenere Arten wie Austernfischer, Säbelschnäbler, Kiebitzregenpfeifer, Pfuhlschnepfe und Sanderling befunden haben. Zu diesen Niedrigwasserzeiten empfiehlt sich immer mal ein Blick auf die Schotterflächen im Mündungsbereich; so wurde z. B. neben Bach-, Schaf- und Gebirgsstelzen sogar einmal eine Maskenstelze beobachtet. In der Brutzeit lohnt sich ein Abstecher ins Auwaldgebiet um die Bingerbrücker Kribben immer. Mittel- und Kleinspechte lassen sich hier ebenso schön beobachten wie sich die große Dichte an Nachtigallen, Grauschnäppern und Pirolen bestaunen lässt.

Welche Bedingungen sind günstig?

Wer es vorzieht, in aller Ruhe und ganz für sich zu beobachten, sollte das Gebiet im Sommerhalbjahr an sonnigen Wochenenden und Feiertagen mit Ausnahme der frühen Morgenstunden eher meiden, weil gerade das Rhein-Nahe-Eck stark von Touristen, aber auch von gesprächsdurstigen freundlichen Rheinhessen besucht wird. Ähnliches gilt zu diversen Festtagen wie „Bingen swingt“, Winzerfest etc. Man wird dann als Spektivgucker schnell mal zum unfreiwilligen Leiter einer Spontanexkursion mit wechselnder Teilnehmerzahl und darf Fragen auf allen denkbaren Niveaus beantworten (etwa von: „Sinn des Schwazze doo driwwe Veeschel?“ bis: „Können Mittelmeer- und Steppenmöwe anhand des Gonysecks unterschieden werden?“). Empfindsame Gemüter lassen dann besser das Fernglas im Rucksack und trösten sich mit einem guten Schoppen. Optimale Beobachtungsbedingungen herrschen im Gebiet bei regnerischer oder auch gewittriger Wetterlage zu den Zugzeiten, wenn sich im Mündungsbereich der Zug vieler Vogelarten regelrecht stauen kann. Da kann schon mal eine Gruppe von vierzig Trauerseeschwalben mit zwanzig Zwergmöwen, einem Schwarm von 2000 Mauerseglern und mehreren Tausend Schwalben über dem Wasser nach Steinfliegen und anderen Insekten jagen, vielleicht in Gesellschaft des einen oder anderen Baumfalken. Gerade an solchen Tagen besteht die große Chance auf unerwartete Seltenheiten. Die Wahrscheinlichkeit, auf rastende Arten zu treffen, ist bei niedrigem Pegelstand am höchsten. Die Kombination der Optimalbedingungen ist also: Niedrigwasser plus Zugzeit plus Zugstauwetter. Dann geht an der Nahemündung die Post ab. Ein Besuch lohnt sich. Nur: man muss aufpassen, damit man nicht vor lauter Begeisterung ins Wasser fällt! Also:

Lachmöwen