Roxheimer Altrhein & Silbersee

Die kleine Gemeinde Bobenheim-Roxheim, wenige Kilometer südlich von Worms im Rhein-Pfalz-Kreis gelegen, beherbergt eines der größten und vielleicht interessantesten Beobachtungsgebiete in der Pfalz. Der Silbersee und der Roxheimer Altrhein sind ein wichtiges Brut- und Rastgebiet für Zielarten der europäischen Vogelschutzrichtlinie und deswegen als Vogelschutzgebiete im Rahmen des europäischen Schutzgebietssystems NATURA 2000 ausgewiesen worden. Wer aber nur hierhin kommt, um einmal vom Südwestufer aus mit dem Spektiv über den 2,3 km langen Silbersee zu schauen – der wird je nach Jahreszeit vielleicht eine Menge Enten, Lachmöwen und Kormorane sehen, aber er verpasst viel von dem, was dieses Gebiet tatsächlich zu bieten hat...

Anfahrt

Über die B9, Abfahrt Bobenheim-Roxheim. Es gibt einen öffentlichen Parkplatz, Tafeln mit eingezeichneten Wanderwegen stehen an vielen Stellen am Silbersee und den beiden Altrheinseen.

Der Silbersee

Entstanden ist der See durch Kies- und Sandabbau, der noch immer betrieben wird. Neben dem Laacher See ist der Silbersee der zweitgrößte See in Rheinland-Pfalz. Seine Fläche beträgt 1,3 km², er ist etwa 10 m tief, der Rundweg um den See hat eine Länge von ca. 6 km. Als Naherholungsgebiet wird der Silbersee im Sommer intensiv genutzt, zum Baden, Segeln und Surfen. Ein Besuch zur Sommerferienzeit in RLP wird daher keinen ungetrübten Naturgenuss bieten, aber zu allen anderen Jahreszeiten sind der Silbersee und der angrenzende Roxheimer Altrhein jederzeit einen Besuch wert.

Ein ornithologischer Rundgang um den Silbersee

Der Rundgang beginnt am Südwestufer des Sees, hier befindet sich der Badestrand und ein kleiner Kiosk, der im Sommerhalbjahr geöffnet ist. Vom Badestrand aus können wir den vorderen Teil des Sees, westlich der Halbinsel Scharrau, überblicken. Im Frühjahr und Sommer halten sich Brutvögel wie Höckerschwäne, Stockenten und Haubentaucher auf diesem Teil des Sees auf. In den Bäumen hinter uns singen Turteltauben, Pirole und Gelbspötter, ab und zu quäken Kleinspechte und es pfeift der Grauspecht. Im Herbst und Winter ist das Wasser an dieser Stelle bevölkert von rastenden und überwinternden Blässhühnern, Tafelenten, Reiherenten und Zwergtauchern. Wir folgen dem Fußweg etwa 900m Richtung Osten und suchen uns eine offene Stelle, von der aus wir auf den Hauptteil des Sees blicken können. Zur Brutzeit schwimmen hier Haubentaucher mit ihren Jungvögeln, am Ufer scheuchen wir versehentlich alle paar dutzend Meter einen Graureiher, oder, während der Zugzeiten, immer wieder Flussuferläufer auf. Mit etwas Glück entdecken wir an der Scharrau zwischen den dort liegenden Booten im Sommer einen Schwarzhalstaucher, der noch sein Prachtkleid trägt, und im Mai gaukeln Trauer- und Flussseeschwalben über die Wasserfläche des Sees.
Hinter uns hören wir Blaukehlchen singen, die ihre Reviere im Schilf des Hinteren Altrheines besetzt haben. Sumpf- und Weidenmeisen, Teichrohrsänger, Rohrammern und Nachtigallen fliegen uns immer wieder über den Weg und Grünspechte lachen in den Bäumen. Richtig überwältigt sind wir aber im Winter, wenn sich auf dem Hauptteil des Sees hunderte Blässhühner und Tauchenten aufhalten. Es sind vorwiegend Reiher- und Tafelenten, doch finden sich auch regelmäßig kleinere Gruppen von Kolben-, Berg- und Schellenten, oder auch einzelne Trauer- oder Samtenten, die auf dem See rasten und das reichhaltige Angebot an Wasserpflanzen, Crustaceen, Mollusken und Fischen nutzen. Pracht- und Sterntaucher sind seltene, aber alljährliche Wintergäste und auch Eistaucher haben den See schon besucht.

Vorderer Roxheimer Altrhein

Vorderer Roxheimer Altrhein

Wenn wir mit dem Spektiv ganz genau schauen, finden wir vielleicht einen Zwergsäger oder Rothalstaucher in der großen Menge Enten. Obwohl wir nun viel vom See gesehen haben, gehen wir noch weiter. Nach etwa 500m kommen wir an eine offene Stelle, von der aus wir direkt auf das Sandwerk auf der gegenüberliegenden Nordseite des Sees schauen können. Auf der Sandbank sonnen sich fast das ganze Jahr über Kormorane. Im Herbst und Winter kann man regelmäßig farbberingte Individuen ablesen, die aus anderen europäischen Ländern stammen. Hier stehen oft auch Grau-, Kanada- und Nilgänse, ein Paar Schwanengänse der Wildform und Streifengänse sind weitere neozoische Besucher. Aber viel spannender sind die kleineren Vögel: die Sandbank zieht, außer im Winter und Hochsommer, immer wieder Limikolen an. Einzelvögel von Sandregenpfeifer, Alpen-, Zwerg- und Temminckstrandläufer, Sanderling, Knutt, Waldwasserläufer, Rot- und Grünschenkel und andere Limikolenarten rasten und suchen an der Wasserkante nach Nahrung. Flussregenpfeifer brüten sogar. Zwischen den hier sitzenden Lachmöwen finden wir regelmäßig Mittelmeer- und Steppenmöwen und im Winter auch einzelne Silbermöwen. An einem guten Tag können wir dort zwischen 500 Lachmöwen auch wenige Sturmmöwen, Flussseeschwalben, oder eine Heringsmöwe entdecken.

Im Winter lässt sich fast täglich der eine oder andere Bergpieper auf der Sandbank beobachten, im Sommer sehen wir von hier aus Schwarzmilane, Baumfalken und Habichte über dem Gebiet kreisen. Durchziehende Fischadler sind im Frühjahr und Herbst nicht selten. Ab und zu überqueren auch Wanderfalken den See.  Hinter uns hören wir Zwergtaucher trillern, die auf einem kleinen Altrhein-Gewässer brüten. Die niedlichen Pulli mit ihren gestreiften Köpfen können wir vom Ufer aus beobachten, ohne das Geschehen zu stören. Wenn wir es nicht eilig haben, sollten wir an dieser Stelle etwas verweilen und den See beobachten.
 
Geduld zahlt sich aus, denn manchmal fallen unerwartet Vögel vom Himmel, die wir von hier aus am besten finden werden. Eisente, Zwergmöwe, Küstenseeschwalbe, Ortolan, Seeadler, Mantelmöwe und viele andere Überraschungen sind möglich. Wir haben aber noch nicht alles gesehen, folgen dem Weg noch weiter und gelangen schließlich an das Ende des Sees. Sind wir nicht gerade im trockenen Hochsommer unterwegs, zahlen sich feste Schuhe aus, denn jetzt wird es für die nächsten 300m schlammig … vorher schauen wir aber noch über den hinteren Teil des Silbersees – haben wir im Winter den Rothalstaucher bisher nicht gefunden, dann schwimmt er vielleicht ja hier zwischen den Tauchenten. Wir werfen auch noch einen Blick auf die Äcker rechts von uns, denn wir wollen ja keine Saat- oder Blässgänse verpassen, die im Herbst dort rasten könnten.
Direkt an den Silbersee grenzt im Osten der Ochsenlachensee, zu dem wir nun kommen. 
Im südlichen Teil wird Sand abgebaut, in den Steilufern befindet sich eine Uferschwalbenkolonie. Der nördliche Teil dieses Sees ist vor allem im Herbst und Winter interessant. Dort rasten Krick-, Schnatter- und Pfeifenten und wenn man genau hinschaut findet man die Zwergsäger, die sich bevorzugt auf diesem kleinen See aufhalten. Am Wegrand fliegen im Sommer immer wieder Stieglitze und Schafstelzen auf, die an den Disteln und im Gras nach Nahrung suchen. Durch den Schlamm folgen wir dem Weg und biegen links ab, um nun an der Nordseite des Silbersees entlang zu gehen. Rechts von uns fließt der Altrhein-Kanal, auf dem sich viele Schwimmenten tummeln. Schrill pfeifend sausen Eisvögel an uns vorbei und im Sommer singen die Rohrsänger im Schilf.

SilberpappelnNachdem wir das Sandwerk passiert haben, bekommen wir einen guten Blick auf die Nordseite des Sees. Alle winterlichen Entengruppen, die für uns vorher zu weit entfernt gewesen sind, können wir nun genauer mustern, um vielleicht doch noch eine Berg- oder gar Moorente zu finden. Im Herbst nutzen Singvögel die hohen Pappeln, um hier „schleichend“ durchzuziehen. Vor allem Laubsänger, Finken, Schwanz- und andere Meisenarten kommen gruppenweise durch die Baumkronen geflogen. Irgendwann sind wir auf der Scharrau angelangt und der Weg führt uns an einer Ackerfläche vorbei. Diese ist vor allem im Herbst und Winter interessant, wenn sich dort viele Goldammern und Finken aufhalten, um am Boden nach Nahrung suchen. Im Auwald rechts neben uns rufen das ganze Jahr die Buntspechte und im Sommer Pirole, Kuckucke oder auch Kernbeißer. Mit etwas Glück singt im Frühjahr ein durchziehender Waldlaubsänger. Die obligatorischen Halsbandsittiche fliegen vor allem morgens und abends, auf ihrem Weg zu den Schlafplätzen in Frankenthal, über uns hinweg. Wenn wir am Sandwerk vorbei gelaufen sind, haben wir unseren Rundgang fast beendet und sehen schon wieder auf den vorderen Teil des Silbersees. Obwohl wir hier schon beobachtet haben, sollten wir noch einmal einen Blick auf das Wasser werfen - denn vielleicht ist ja in der Zwischenzeit ein Gänsesäger gelandet oder eine Ente, die vorher noch nicht dort gewesen ist...

Auf dem Weg zurück zum Parkplatz schauen wir links auf:

Das NSG Hinterer Roxheimer Altrhein

Der Roxheimer Altrhein, bestehend aus dem Hinteren und dem Vorderen Altrheinsee, ist im Frühmittelalter während der regelmäßigen Rheinüberschwemmungen entstanden. 
Das NSG Hinterer Roxheimer Altrhein hat eine Fläche von 42,8 ha, der Altrheinsee ist von einem breiten Schilfgürtel umgeben. Auf der Wasserfläche kann man das ganze Jahr über Schwimmenten beobachten, vor allem Stock-, Schnatter-, Löffel- und Krickenten. Blässhuhn, Hauben- und Zwergtaucher, Stock-, Schnatter- und auch Tafelente brüten hier. Einzelne Purpurreiher werden regelmäßig im Sommerhalbjahr beobachtet, ob schon Bruten stattgefunden haben ist leider nicht bekannt. Silberreiher stehen oft am Schilfrand. Teich-, Sumpfrohrsänger und Blaukehlchen sind Brutvögel, neben vielen anderen Singvogelarten. Auch wenn er klein und unscheinbar aussieht, sollte man trotzdem immer einen Blick auf den Hinteren Altrhein werfen - denn sonst verpasst man vielleicht eine Weißbartseeschwalbe im Frühling, oder eine Rohrdommel im Winter...
Nun haben wir viel gesehen, aber immer noch nicht alles. Es gibt ja noch ein weiteres NSG:

Das NSG Vorderer Roxheimer Altrhein-Krumbeeräcker

Das 23,5 ha große NSG können wir entweder direkt vom Silbersee aus erreichen, oder wir fahren mit dem Auto in den Ort zum Parkplatz an der Westseite des Sees. Der an den Hinteren Altrhein grenzende östliche Teil des Vorderen Altrheinsees beherbergt Haubentaucher und Kormorane in unterschiedlichen Anzahlen, im Winter kann hier aber jederzeit auch ein Rothalstaucher oder gar Seetaucher schwimmen! Ein Schwenk mit dem Fernglas über die Wasserfläche lohnt sich daher immer, denn ab und zu findet man auch eine Schwarzkopfmöwe zwischen den Lachmöwen. Neben Haubentauchern, Höckerschwänen, Nil-, Grau und Kanadagänsen, Stockenten, Teich- und Blässhühnern ist auch hier die Schnatterente ein regelmäßiger Brutvogel. Am Nordende des Vorderen Altrhein-Sees, dort wo sich der Minigolfplatz befindet, läuft das Ufer flach aus und mündet in einen Schilfbereich. Den Holzsteg dürfen wir betreten, um uns den Schilfrand genauer anzuschauen. Das Ufer scheint nah, doch ohne Spektiv werden wir im Herbst keine Chance haben, die im Schlamm stochernden Bekassinen zu entdecken. Während der Zugzeiten rasten hier auch Alpen- und Temminckstrandläufer, außerdem Flussufer-, Wald- und Bruchwasserläufer in einzelnen Individuen, wenn der Wasserstand des Sees niedrig ist. Krick-, Knäk-, Löffel- und Pfeifenten schwimmen in diesem Bereich des Sees. Und wer sich wundert, dass hier so viele Graureiher im Wasser stehen, der sollte nach oben schauen. Denn über dem Schilf in den Weiden befindet sich eine kleine Graureiherkolonie. Die Nester sind nicht sichtbar, doch kann man die großen Vögel in den Wipfeln sitzen sehen. Das gesamte Jahr über können wir auch an dieser Stelle einzelne Silberreiher beobachten, aber auch Seiden- und Nachtreiher sind am Altrhein schon gesehen worden.

Wenn wir jetzt ornithologisch gesättigt sind, könnten wir nach Hause fahren... doch es gibt noch etwas zu bestaunen. Wer einmal mehrere hundert Schnatterenten auf einem kleinen Teich sehen möchte – der sollte im September/Oktober den Weg am Schilf entlang noch etwa 300m weitergehen. Dort befindet sich auf der rechten Seite, von Bäumen und Baumstümpfen umgeben, hinter einem Drahtzaun ein Altrhein-Gewässer, das von den Schnatterenten zur Mauser und Herbstbalz genutzt wird. Bis zu 400 Stück können es sein – die gesamte Wasserfläche ist dann grau von Enten! Und hier übernachten auch die Kormorane in den Bäumen, die wir vorher auf dem Silbersee beobachten konnten.

Die knarrenden Balzrufe der männlichen Schnatterenten noch im Ohr, können wir nun, erfüllt von vielen kleinen und großen ornithologischen Eindrücken, nach einem erfolgreichen Beobachtungstag zurück nach Hause fahren … und am nächsten Morgen gleich wiederkommen – denn am Roxheimer Altrhein und Silbersee gibt es jeden Tag etwas Neues zu entdecken!

Andere Tiere

Wenn man im Altrhein eine Schildkröte entdeckt, die sich auf einem Ast im Wasser sonnt, dann sollte man ganz genau hinschauen. Denn seit 2008 werden hier im Zuge eines Wiederansiedlungsprojektes durch den NABU Europäische Sumpfschildkröten ausgesetzt, in den Jahren 2008 und 09 waren es insgesamt 20 Stück.

Literatur:

www.bobenheim-roxheim.de

www.naturschutz-rlp.de

Ornithologische Jahresberichte Rheinland-Pfalz (siehe www.gnor.de)

Eigene Beobachtungen (und im birdnet-rlp.de)